Kampf der Magazine – Die Gewinnertexte

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Über 40 Zuschauer waren am ersten „Kampf der Magazine“ in Lenzburg! Der Live-Schreibwettkampf fand am 19. Mai 2016 im vollen Literaturhaus statt.

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7 Schweizer Literaturzeitschriften haben teilgenommen und ihre AutorInnen in den Ring geschickt:

  • Literarischer Monat (ZH): Nora Zukker, Niko Stoifberg
  • Narr. Das Narrativistische Literaturmagazin (BS): Pino Dietiker
  • delirium (ZH): Sebastien Fanzun
  • La Liesette Littéraire (BE): Lara Hajj Sleiman
  • mütze (SO): Manuel Naef
  • Lasso (BS): Norwin Tharayil
  • Denkbilder (ZH): Lukas Keller, Daniel Grohé

Dilettanten und Genies fielen leider krankheitsbedingt aus.

Es war simpel: Drei Kandidaten wurde der gleiche Satz vorgegeben. Auf der Grundlage dieses Anfangssatzes mussten sie in 5 Minuten weiterdichten. Die Zuschauer sahen auf 3 Leinwänden, wie der Text wuchs. Wer zu schreiben aufhörte, musste mitansehen, wie sein Text zunehmend gelöscht wurde. Ausserdem gab der Moderator immer wieder weitere Wörter vor, die in den Text eingebaut werden mussten.

Klingt zu hart? Klingt nach zu wenig Zeit?

Hier sind die drei Texte unserer Finalrunde.

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Noch einmal: Die Texte wurden in 5 Minuten, live vor Publikum verfasst und niemand erhielt die Chance, sie zu überarbeiten. Wir publizieren sie gerade so, wie sie unter Druck entstanden sind, mit einer Ausnahme: Fett gedruckt sind die Worte, die der Moderator Andreas Hauri vorgegeben hat.

3. Platz – Sebastien Fanzun (delirium)

Während Simonetta Sommaruga auf der Toilette sass, um irgendeine Wette zu gewinnen, die mit Menge des Stuhlgangs und überdimensionalen Reptilien zu tun hatte, war ich verwickelt in eine spektakuläre Verfolgungsjagd Wolfgang Goethes. Goethe selber wird am 21.12.1989 in Livorno in eine sephardische Familie geboren. Seine Schulzeit verläuft unspektakulär und hat für den erwachesenen Goethe etwa die Wirkung eines Wirbelsturms im Bierglas. An der Universität verspricht er allein durch seine Erscheinung mindestens so Vielversprechendes wie Günter Grass‚ Jugend, aber er leistet dann doch nur Pflichtschuldiges, wie ein akademischer John-Deere-Traktor. Wie er zum ersten Mal mit dem IMC in Berührung kommt, ist unklar. Er tauch zum ersten Mal in einer internen Mail auf, irgendwann im Veilchenmonat Mai. Sein Deckname weckt ungute Assoziationen an Vietnamkriege und Machtmissbrauch. Hier komme ich ins Spiel, die gute alte detektivische Libelle. Meine Agenbtur wird auf Goethe aufmerksam, als er in Bolivien und im Auftrag von Praesens Film einen Agentenfilm billiger Machart – man fühlt sich gelegentlich an bestimmte sozialkritische Essays erinnert – die vorgeben, Popcornunterhaltung mit sexueller Aufklärung zu verbinden. Nackt und überdies bärfuss steht ein Schmuggler, Gesichtsausdruck geistreich, Modegeschmack fehlend, im Dschungel und spricht über die vollen neun Stunden, vom Soundtrack von Maserati (dem musikalischen Equivälent einer Amöbe) begleitet über Relegation. Selbst dem blindesten Zuschauer wird hier klar geworden sein, worum es hier geht, und also muss ich nun herausfinden, was Goethe jeden Abend tut, wenn er mit seinem gutdeutschen Mercedes nach Norditalien fährt. Ich bin seit Tagen auf seinen Fersen, da hält er plötzlich an und meint zu mir, er habe sich verirrt.

2. Platz – Lara Hajj Sleiman (La Liesette Littéraire)

Während Simonetta auf der Toilette sass, wurde ihr plötzlich der Umriss eines riesigen Schwammes gewahr. Er mass sicher achtzig Fuss in Länge und breite. Mit der Kraft eines Tornados sog der Schwamm sie in sein Inneres. Und was sah sie da wunderliches! Eine kleine Herde Ziegen grase gemütlich in einem Wirbelsturm, um sie toste der Wind und es brauste wie millionen von Turbinen. Günther Grass sass, die Augen geschlossen, in seinem Lesesessel, um ihn hatte sich iene grosse gruppe Traktoren geschaart, die blickten freundlich auf ihn herab, und besonders das Modell Linde c 3454g schien ernstliche Zuneigung zu ihm gefasst zu haben. Er hielt ein Vielchen in der Schaufel, dass es ihm mit zärtlichen Augen darbot. Eine grosse Libelle imschwirrte die Szenerie, sie sprach, stetig wie ien kleiner Bach und ich fragte mich, wer wohl der Besitzer des grossen Schwammes sein möge. Es war Lukas Bärfuss, der, leider hatte er die Farbe von verschimmeltem Popcorn angenommen, auf einem roten Gartenbank sass und ihm Schatten einer Stinkmorchen Mandoline spielte. Zu seinen Füssen knieten die kleinen Traktorenkinder und lauschten seinen geistreichen Aussprüchen. Die Welt, sagte Bärfuss mit tiefer Stimme, gleicht einer relegierten Amöbe, sie hat unendlich viele Schichten, wie ien Zwiebel. Da zuog er aus seinem Hut eine lustig blinkende Zweibel hervor, schaute lachend die kleinen Traktorenkinder an und alle begannen zu singen und zu tanzen. Es war ein schönes Spektakel und auch die Buben und Mädchen fanden sich zum gemeinsamen Flötespiel ein.

  1. Platz – Pino Dietiker (Narr)

Stuhl- oder Wahlgang, das ist hier die Frage, und während Simonette auf dem Abtritt sass, reiste Johann dahin, wo man den Abtritt Toilette nennt und sagte: Lachen ist gut für die Gesundheit, der Stuhl ist nur dann normal, wenn man genügend trinkt und genügend lacht, ansonsten haben sie einen Wirbelsturm im Darmtrakt, und so schälte Simonette ein Toilettenpapier vom Halter wie Günter seine Zwiebeln, ihr Stuhl hatte die Farbe von Traktorsaft und ihr Stuhlgang verwandelte den Abtritt in eine Blechtrommel, Danziger Gulasch hatte es beim polnischen MIster gegeben, der ihr ein Veilchen unters Auge knutsche zwecks bilateralem Weg, die SChweiz, die Libelle Europas, die sanft über den Stürmen des Mittelmeers und der Kloschüssel dahinpropellert, und in der FAZ empfahl Lukas ein Popcorn-Politik anstelle der Big-Mac-Mauscheleien der hohen Herren in Bern, Stuhl- oder Wahlgang, das ist hier die Frage, und der geistreiche Günter Grass traf sich mit seiner Relegation, bzw. der Delegation der Minister und meinte: Lachen ist gut für die Gesundheit und hilft gegen die Tränen, die das Schälen der Zwiebel normalerweise auslöst, das Tränenmeer Europa, in dem die Schweiz als Insel oder als KLopapier obenaufschwimmt.

IMG-20160519-WA0045.jpgWir sind begeistert von den Texten und den Rückmeldungen und gratulieren allen Teilnehmern zu ihrem Mut. Wir hoffen, dass das nicht der letzte Kampf der Magazine gewesen sein wird.

Diese Veranstaltung war auch Teil unserer Drall-Radiosendung vom Juni. Pro Helvetia Cairo berichtet in „Zeitschriften gegen Literatur?“ u.a. über den Event.

 

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Hat dies auf delirium rebloggt.

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